3. Die hohe Verehrung der heiligen Ida von Seiten des christlichen Volkes im Laufe der Jahrhunderte

Durch die Heiligsprechung Idas am 26. November 980 war ihre Verehrung gleichsam kirchlich legitimiert und gutgeheißen worden. Überdies war der Ort, wo ihre heiligen Gebeine 155 Jahre lang geruht hatten und wo sie 15 Jahre lang als Klausnerin gelebt, Gott verherrlicht und soviel Werke der Barmherzigkeit vollbracht hatte, zu einer Kapelle eingeweiht worden. Der Bischof hatte auch Reliquien mit nach Münster genommen und den edelsten Teil ihres Leibes, das Haupt, dem hochverdienten Benediktinerkloster Werden an der Ruhr übergeben. Es wurde in einem kostbaren, kupfervergoldeten Brustbild der Heiligen (39 cm hoch und 24 cm breit) aufbewahrt und jährlich mit den übrigen Heiligtümern der Abtei am Kirchweihfest dem Volke zur Verehrung ausgestellt. Kurz vor der Auflösung des Klosters, im März 1802, ist aber diese kostbare Reliquie mit ihrem kunstvollen Behälter und auch die Urkunde des Mönches Uffing durch einen gewissen Anton Husemann von Herzfeld - wie eine Aktennotiz besagt - in die St.-Ida-Kirche zurückgebracht worden. Das Haupt wurde wieder zu den übrigen Gebeinen der Heiligen hinzugelegt, während das wertvolle Brustreliquiar seitdem im Pfarrarchiv aufbewahrt und auch bei Wallfahrten den St.-Ida-Pilgern gezeigt wird.

Gewiß sind im Laufe der Jahrhunderte viele andere Heiligtümer und Wallfahrtsstätten in Westfalen entstanden, die große Volksscharen angelockt haben. Da durch hat aber die Verehrung der heiligen Ida und das Vertrauen des gläubigen Volkes zu ihr keinerlei Abbruch oder Minderung erfahren. Es mag sein, daß in gewissen unruhigen und bewegten Zeiten, vor allem dann, wenn die Kriegsstürme über die Gaue Westfalens dahinbrausten - wie etwa im 30jährigen Kriege und auch später zur Zeit der Französischen Revolution und in den Napoleonischen Kriegen -, Gebetseifer und Frömmigkeit in beklagenswerter Weise nachließen, trotz alledem blieb St. Ida die gütige Schützerin und Patronin nicht nur der Kirche und Pfarrgemeinde Herzfeld, sondern auch der angrenzenden Gaue Westfalens weithinaus. Nach Idas Heiligsprechung trägt die Pfarrkirche, die ja anfangs zu Ehren der Gottesmutter und des heiligen Germanus errichtet worden war, nur noch den Titel: St.-Ida-Kirche, wie die ältesten Visitationsprotokolle ausweisen. Nachweislich wird seitdem nur noch St. Ida vidua, die „heilige Witwe Ida" als die himmlische Patronin des Gotteshauses gefeiert und angerufen. Ja schon bald wird sie auch zur Patronin anderer Kirchen oder Kapellen erwählt (die ältesten sind Velbeck bei Werden und Hilbeck, Kreis Hamm.)

In der Pfarrei Herzfeld wurden schon von ältester Zeit an jährlich drei Festtage zu Ehren der heiligen Ida begangen, die mit größeren Gemeindewallfahrten aus den verschiedenen Orten und auch mit Prozessionen verbunden waren. Es war dies zunächst die bereits 980 von Bischof Dodo am Tage der Heiligsprechung Idas angeordnete Gedenkfeier, die jährlich am 26. November, und zwar eine ganze Oktav hindurch, begangen werden sollte. Man nannte diesen Tag später das Winter - Idafest. Bis zum heutigen Tage ist der 26. November ein hoher Feiertag für die ganze Gemeinde Herzfeld. Darum ist auch auf den besonderen Wunsch der Gemeinde gerade auf diesen Tag die. Ewige Anbetung des Jahres gelegt worden. Pfarrer Herold (St.-Ida-Büchlein, 2. Auflage, S. 40) meint, daß ursprünglich auch an diesem Tage die sogenannte „Identracht", die Prozession mit den Reliquien der Heiligen (sünte Yden hillich dom) stattgefun den habe. Schon bald habe man aber diese in eine günstigere Jahreszeit verlegt, und zwar auf den Pfingstdienstag. Das geht aus einer uns erhaltenen Urkunde von 1371 hervor, worin diese „Identracht" als eine schon längere Zeit bestehende und allgemein wohlbekannte Prozessionsfeier erwähnt wird. Sie fand am Dienstag in der Pfingstwoche statt und muß jedes Jahr eine große Schar Pilger angezogen haben. Denn der Werdener Mönch Cincinnius schreibt um das Jahr 1519 von „einer ungeheuren Volksmenge, welche zur Reliquientracht und Feier der Kirchweih aus Soest und den umliegenden Ort schafften nach alter Sitte herbeigeströmt war". Weihbischof Schodehut hatte bei der Konsekration des Kirchenneubaus im Jahre 1506 das jährliche Kirchweihfest auf den Pfingstdienstag, den Tag der großen „Identracht" gelegt, da er wußte, welch großer Beliebtheit sich diese beim ganzen Volke erfreute. Man hielt getreu an dieser Prozession fest, auch im Jahrhundert der Reformation und trotz der großen Anstrengung, die mit der Teilnahme daran verbunden war. Denn sie dauerte etwa 5 bis 6 Stunden, wenn man auch hie und da Station machte und Gelegenheit gab, eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Erst nach der Rückkehr in die Pfarrkirche wurde das feierliche Levitenamt gesungen. Im 17. Jahrhundert allerdings wird diese Prozession abgekürzt und auf das Fest Christi Himmelfahrt gelegt. In neuerer Zeit endlich ist die Identracht mit dem dritten großen Idafest, der Patronatsfeier der Heiligen, am 4. September, im Volksmund auch „Sommer-lda" genannt, verbunden. Es ist dies der Todestag der Dienerin Gottes, also ihr Geburtstag für den Himmel. Seitdem man das Kirchweihfest am Pfingstdienstag aufgegeben und mit dem Patronatsfest vereinigt hatte, ist dieses nicht nur für die Gemeinde Herzfeld, sondern auch für die vielen Idaprozessionen und Idawallfahrten von nah und fern das Haupt-Idafest des Jahres. Man feiert es eine ganze Oktav hindurch, auch Ida-Woche genannt, und von Jahr zu Jahr mehrt sich die Zahl der Wallfahrten wie auch der Einzelpilger in erfreulicher Weise. Hierzu hat aber nicht etwa nur die große Erleichterung des Besuchs der Wallfahrtskirche durch gemeinsame Omnibusfahrten beigetragen, vielmehr ist es eine echte Idabegeisterung, die nun schon elf Jahrhunderte hin durch im gläubigen westfälischem Volke lebendig geblieben ist und Tausende ihrer frommen Verehrer und Verehrerinnen immer wieder nach Herzfeld hinlockt. Die Ida-Woche beginnt am Sonntag nach dem 4. September mit der Prozession der Ida-Pilger aus den benachbarten Gemeinden Ostinghausen und Hovestadt, die der Paderborner Erzdiözese angehören. Die erstgenannte Gemeinde hat bereits im Jahre 1862 eine größere Reliquie der heiligen Ida erworben, und beim elfhundert jährigen Ida-Jubiläum 1925 erhielt auch Hovestadt als die der St.-Ida-Grabeskirche am nächsten gelegene Gemeinde zu ihrer großen Freude eine Reliquie der Heiligen. Während der Woche kommen die vielen Wallfahrten aus dem ganzen Münsterland, und in den letzten Jahren wird auch am Grabe der Heiligen ein großer katholischer Landfrauentag abgehalten. Am zweiten Sonntag wird zum feierlichen Abschluß der Ida- Fest- Woche die altherkömmliche Identracht abgehalten, etwa alle fünf Jahre und bei feierlichen Anlässen die sogenannte große Identracht, wobei die Prozession sich durch das ganze festlich geschmückte Dorf bewegt und der große Reliquienschrein auf dem reichlich mit Blumen verzierten Idawagen mitgeführt wird. In den übrigen Jahren geht eine kürzere Prozession mit den sogenannten kleinen Reliquien in einem Monstranzreliquiar durch die an die Kirche angrenzenden Straßen Herzfelds. Ein Beweis echter Liebe und kindlichen Vertrauens zur heiligen Ida sind auch die zahlreichen Schenkungen und Stiftungen, die ihr und der ihr geweihten Kirche, aber auch zu Gunsten der St.-Ida-Gemeinde gemacht worden sind. Wir können hier nur einige wenige anführen, die durch Urkunden belegt sind und Zeugnis von der Opferfreudigkeit der zahlreichen Idaverehrer geben. Das meiste aber, das im Laufe der Jahrhunderte in frommer Gesinnung St. Ida zuliebe geschenkt wurde, oft gerade von solchen, denen es wirklich ein fühlbares Opfer bedeutete, das weiß Gott allein. Das Eine ist jedoch gewiß: Die große Heilige mit dem gütigen und mütterlich liebenden Herzen wird keine milde Gabe, in edler Absicht ihr geweiht, unbelohnt gelassen haben. Im folgenden wollen wir eine Reihe Schenkungen und Stiftungen anführen, deren urkundliche Niederschrift im Pfarrarchiv aufbewahrt wird.

 

Am 13. Juli 1351 vermacht Heinrich Wolf von Liidinghausen der Kirche zur heiligen Ida eine Fruchtrente aus seinem Hause zu Schachtrup.

 

1360 verschrieb Heinrich Plettenberg der heiligen Ida zu Herzfeld ein Stück Landes in der Bauernschaft Rassenhövel.

 

Knappe Hermann von Plettenberg beschenkt 1362, Sonntag Laetare, die Kirche in Herzfeld mit 5 Stück Landes; diese sollen aufgelassen werden „der guden sunte Iden in de Kerike the Hervelde". Hierzu spendet er noch überdies eine Summe Geldes für die Beleuchtung in der Kirche.

 

Am 25. Februar 1371 übergibt Heidenreich Wolf von Lüdingbausen, Pfarrer zu Herzfeld und später Bischof von Münster: „der hillighen vrowen sunte Yden" zwei Bauernhöfe in den Kirchspielen Ostinghausen und Herzfeld.

 

Im Jahre 1548, 23. Oktober, übergibt Klara Hoberg, Witwe des Goswin Ketteier, Drosten zu Hovestadt, für die Armen zu Herzfeld eine Anweisung von jährlich 14 Goldgulden.

 

Herr und Frau zu Assen (Familie Graf von Galen) schenkten 1683 ein Kästchen für die Reliquien der heiligen Ida. Dieses ist aus Silber und zum Teil vergoldet (36 cm lang, 16 cm breit und 17 cm hoch). Es bildet ein mit Amoretten verziertes Achteck.

 

Die Liebe und Verehrung und das innige Vertrauen zur heiligen Ida umfaßte in der Tat alle Stände der Christenheit. Wir können sie darum als eine wahrhaft volkstümliche Heilige bezeichnen. Das ersehen wir nicht nur aus den zahlreichen Stiftungen, Weihegeschenken und reichen Spenden, die man ihr zu Ehren opferte, sondern auch aus den religiösen Sitten und Gebräuchen, die ein ganzes Jahrtausend hindurch in der Gemeinde Herzfeld und weithin in ihrer Umgebung lebendig geblieben sind. Wie gern gibt man dort in den Familien einem neugeborenen Mädchen den Namen Ida, um dieses dem besonderen Schutz seiner himmlischen Patronin anzuempfehlen. In wievielen alten Inschriften findet sich nicht ihr Name verzeichnet, sei es nun an der St.-Ida-Glocke hoch oben im Turm der Pfarrkirche oder auch an Bildstöcken und Heiligenhäuschen, vor ihren Bildern und Statuen, an Mauern und Häusern, die man besonders ihrem Schütze anvertrauen wollte. Wie uns Pfarrer Herold in seinem Idabüchlein mitteilt, wurden zu seiner Zeit noch an den Dienstagen des Jahres in großer Zahl die sogenannten Idenmessen am Reliquienaltar der Heiligen gefeiert, die auch viel von den Gläubigen für besondere Anliegen erbeten wurden. Und besonderer Hochschätzung erfreut sich von jeher der Idasegen, der mit vertrauensvoller Anrufung der Heiligen auf Bitten der Mütter ihren kleinen und kleinsten Kindern erteilt wird, vor allem während der Ida-Woche. In früheren Jahren wurde auch von vielen ein Idengürtel getragen, eine Art Bußgürtel, um nach Idas Vorbild in christlicher Enthaltsamkeit und Selbstzucht zu leben. Eine Bruderschaft der heiligen Ida (fraternitas, sodalitas, „broderscop") sammelte, wie urkundlich belegt ist, bereits im 14. Jahrhundert - vielleicht auch schon früher - alle eifrigen Idaverehrer zu gemeinsamen frommen Übungen und Werken der Nächstenliebe. Pfarrer Osthaus (gest. 1672) sagt einmal, daß die Wirksamkeit dieser Bruderschaft „glänzende Spuren" hinterlassen habe.

Zeugnis von der hohen Verehrung der heiligen Ida auch jenseits der Lippe gibt nicht nur die St.-lda-Station im „Althof", wo Ida zeitweilig gewohnt haben soll -, sondern auch das St.-Ida-Hospital, dessen hundertjähriges Bestehen im Jahre 1959 festlich begangen werden konnte. Mit Recht wurde es von seinen Begründern der großen Heimatheiligen geweiht und ihrem Schütze anvertraut. Denn dieses Hospital, ursprünglich eine Stiftung für arme Kranke, ist ja ganz aus dem Geiste der heiligen Ida, dem Geiste mildtätiger Barmherzigkeit, heraus entstanden und hat bereits über hundert Jahre lang ganz in ihrem Geiste unzählig vielen Kranken sorgsamste ärztliche Betreuung und liebevollste Pflege durch die Hand der Krankenschwestern zuteil werden lassen. Aus kleinsten Anfängen entstanden, hat sich diese edle Gründung im Laufe der Jahre zu einem ansehnlichen Krankenhaus entwickelt und soll in der nächsten Zeit noch weiter vergrößert werden.

 

Der Ruhm der Heiligen ließ aber seinen Glanz in besonders hellem Lichte erstrahlen bei den großen Jubiläums feiern, so dem neunhundertjährigen Gedächtnis der Heiligsprechung Idas im Jahre 1880 und der elfhundertjährigen Gedenkfeier ihres Heimganges in den Himmel, im Jahre 1925. Beide Jubiläen wurden in Anwesenheit vieler Bischöfe, Weihbischöfe und Prälaten aus mehreren Diözesen mit größter Feierlichkeit und unter gewaltigem Andrang und freudigem Jubel des Volkes eine ganze Festoktav hindurch begangen, wobei in vielen Predigten aus beredtem Munde das Lob der Heiligen vielen Tausenden frommen Pilgern aus nah und fern verkündet wurde. In jüngster Zeit aber konnte dem Ehrenkranz der Heiligen noch ein besonders glänzendes Ruhmesblatt zur hohen Freude aller ihrer Verehrer und Verehrerinnen eingefügt werden, und zwar gerade im 975. Jahre nach ihrer Heiligsprechung. Auf die wiederholten dringenden Bitten von Seiten der Geistlichkeit wie auch der katholischen Frauen und Mütter in der ganzen Diözese Münster wurde am 11. September des Jahres 1955 zum festlichen Abschluß der Ida-Woche von dem Hochwürdigsten Bischof Michael Keller von Münster in einem feierlichen Akt die heilige Ida von Herzfeld zur Mitpatronin aller Frauen- und Müttervereinigungen des Bistums Münster erhoben. Die darauffolgende „große Identracht" unter Teilnahme des Bischofs wie auch die festliche Illumination aller Häuser und eindrucksvolle Anstrahlung der St.-Ida-Pfarrkirche gab der großen Freude über diese hohe Auszeichnung der Heiligen einen beredten Ausdruck. Zum Abschluß des ersten Hauptteils unseres St.-Ida-Wallfahrtsbüchlein wollen wir miteinstimmen in den begeisterten Hymnus zu Ehren der großen Heiligen, mit dem eine unbekannte Hand im 16. Jahrhundert den Umschlag der alten Uffing'schen Lebensbeschreibung geziert hat:

 

„O kostbarer Edelstein, auf unserem Erdreich gelegen, leuchte uns voran, damit unser Herz, frei von drohenden Übeln, immer verlange, mit Christi heiligen Streitern vereint zu sein, in deren Gesellschaft du dich zu unserer Freude schon befindest. Des Himmels Bewohnerin, Christi starke Bekennerin, Ida, erflehe deinen Schutzbefohlenen stets alle Gnaden zum ewigen Heile!"