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In der Zeit der wirtschaftlichen Not in den 30iger Jahren waren auch die Einkünfte aus der Böttcherei rückläufig, so daß der seit dem Jahre 1919 in der Werkstatt tätige "Altgeselle Butz" selbst nicht mehr wegen mangelnder Arbeit bleiben wollte und 1933 nach Dortmund verzog. Auch der älteste Sohn Jöppe suchte Arbeit und Verdienst in der Fremde, so in Dortmund und Brakel b. Höxter.
Für die heranwachsenden Kinder boten diese Zeiten gewiß keine guten Aussichten. Die damaligen Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten waren gering, so daß längst nicht alle Wünsche erfüllt werden konnten.
Dieses Schicksal traf jedoch viele Bürger von Hovestadt noch viel schlimmer. Die Arbeitslosigkeit war besonders hoch, da in Hovestadt kaum Arbeitsplätze vorhanden waren. Mit dem Bau der Kirche im Jahre 1932 konnten zwar die meist schon "Ausgesteuerten" vorübergehend wieder Arbeit finden, so daß dann anschließend wieder die Möglichkeit des "Stempels" gegeben war.
Mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus im Jahre 1933 änderten sich die Verhältnisse in Hovestadt gravierend. Der Bürgermeister Bierhaus wurde kurzerhand abgesetzt, da seine Zentrumszugehörigkeit seit 1900 ortsbekannt war.
Zunächst waren viele Änderungen positiv, das Elend der Arbeitslosigkeit verschwand und die verbesserten Einkommensmöglichkeiten zeigten sich bald im Ortsbild. Neue Häuser konnten errichtet werden. 1936 bot eine neue Schule auf dem Löttenkamp den Kindern von Hovestadt verbesserte Bildungsmöglichkeiten.
Aber diese Entwicklung erwies sich bald als trügerisch. Die in alle Lebensbereiche eingreifende "Partei" hinterließ auch in der Familie Spuren, die mit dem Ausbruch des Krieges tiefste Wunden schlagen sollte. Durch die Kriegsereignisse bedingt, nahm Josef Bierhaus am 1.12.1943 das Amt des Ortsbürgermeisters an, um am 6. April 1945 nach der Sprengung der Lippebrücke die Übergabe des Ortes an die amerikanischen Truppen zu erleben.
Die Spuren des Krieges hatten in der Familie Bierhaus tiefe Wunden hinterlassen. Zwar war das Heimathaus an der Schloßstraße, trotz des Bombenhagels der April-Tage, unversehrt geblieben, doch dafür klafften großen Lücken in der Familie: Der älteste Sohn Josef fiel am 19. März 1945, der Schwiegersohn Max Seybold war am Tage der Geburt seiner Tochter Sylvia am 7. September 1944 gefallen. Die Söhne Felix und August waren in Gefangenschaft, die Töchter Käthe und Annchen dienstverpflichtet in Augsburg und Eickelborn.
Glücklicherweise kehrten schon bald die angehenden Schwiegersöhne Fritz Lentzen und Hermann Weydmann zurück, um Doppelhochzeit in Hovestadt zu feiern, am 26. Juli 1946
Josef Bierhaus hatte -obschon 70 Jahre alt geworden- die Arbeit in der Werkstatt und in der Post -hier von seiner Frau Agnes unterstützt- nicht aufgegeben. In der Werkstatt blühte noch einmal das Handwerk wieder auf. Der große Mangel an Waren führte zu einer Nachfrage nach Fässern aller Art: Waschmaschinen, Holzeimern, Bottichen und Kübeln.
Der Verkauf von Fässern und sonstigen Produkten aus der Werkstatt vermochte die ärgste Not der Nachkriegszeit in Grenzen zu halten. Aus dem Haus an der Schloßstraße konnte manche Lebensmittelhilfe für die Familien der Bierhaus-Sippe in den Städten gegeben oder vermittelt werden. Hier darf auch an die Hilfe der Tante Ida aus Göttingen erinnert werden, die stets etwas Mehl, Brot und Knabbeln" -ohne Lebensmittel-Marken- in die "Hamstertaschen" steckte.
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Josef Bierhaus in der Werkstatt

In den 50iger Jahren sorgte Vater Josef Bierhaus dafür, daß die Kinder eine "gute Aussteuer" erhielten, obwohl solches in diesen Jahren fast unmöglich erschien. Aus den nahen Wäldern konnte Josef Bierhaus manche Eichenstämme erstehen, die zu Brettern gesägt, im Holzschuppen trockneten. Mit den Worten: "Elke mott`s suin" wurden in den Schreinerwerkstätten der Umgebung Schlafzimmer, Küchen- und Wohnzimmerschränke aus Eiche -meist gegen Naturallohn- gefertigt. Diese Möbelstücke aus massiver Eiche zieren alle Wohnungen der Kinder und könnten -wenn sie nicht der Mode zum Opfer fallen- noch Generationen aushalten.
Im Jahre 1954 gibt Josef Bierhaus die von ihm fast 50 Jahre verwaltete Poststelle an Elisabeth Schröder ab. Die Poststelle verbleibt zunächst noch im Hause an der Schloßstraße, wird jedoch einige Jahre später in das Haus Gerwiener verlegt. Im Zuge der Rationalisierungsmaßnahmen der Bundespost ist vor einigen Jahren die Poststelle Hovestadt aufgelöst worden.
Im Jahre 1955 errichtet Felix Bierhaus auf dem Grundstück auf dem Löttenkamp ein Eigenheim. Josef Bierhaus und seine Frau Agnes siedeln aus dem "alten Haus" an der Schloßstraße in das neue Haus "Am Löttenkamp" über.
Aber noch immer ist für Josef Bierhaus in der Werkstatt Arbeit zu finden. Wenn auch selten noch Fässer, Waschmaschinen und Bottiche verlangt werden, so kommen immer wieder Kunden von nah und fern, um Einzelstücke zu erwerben oder um Reparaturen ausführen zu lassen. Für die große Familie fertigt Josef Bierhaus bis zum 90. Lebensjahr noch mit Kupferreifen verzierte Blumenkübel. Eines der letzten "Meisterstücke" ist ein eichener Telefonhocker in der Form eines großen Butterfasses, der seit der Taufe unseres jüngsten Sohnes Marcus im September 1965 unser Haus ziert. Die alten Böttcherwerkzeuge -manche Stücke dürften über 100 Jahre alt sein- werden von den Kindern als Familienerbstücke gut aufgehoben. Hobel und Ziehmesser erinnern an ein aussterbendes Handwerk, das über 300 Jahre in der Familie ausgeübt worden ist und im Familiennamen weiterlebt.
Ein großes Familienfest erlebt die Familie Bierhaus am 25. Sept. 1962. Im Saale Orthaus in Herzfeld wird die Goldhochzeit gefeiert, 19 Enkelkinder gratulieren dem Jubelpaar. Inzwischen ist die Zahl der Enkel auf 23 und 2 Urenkellinnen angewachsen.
Allen ist unsere liebe Mama, die mit 81 Jahren am 21. Februar 1970 starb, in guter Erinnerung. Sie war der gute Geist des Hauses, stets tätig und an alle denkend. In den Kriegsjahren mußte sie viele Sorgen auf sich nehmen. Unermüdlich schrieb sie lange Briefe und packte liebevolle Feldpostpäckchen an Söhne und Schwiegersöhne. Ein ganz besonderer Schmerz traf sie durch den Tod des Schwiegersohnes Max Seybold am 7. Sept. 1944 und den Tod ihres Sohnes Josef am 19. März 1945 in Genschmar. In Neuhardenberg bei Frankfurt a.d. Oder liegt sein Soldatengrab, das bisher niemand aufsuchen konnte.
Auch die großen Sorgen um die jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft gehaltenen Söhne Felix und August haben sie tief getroffen. Sie konnte jedoch die glückliche Heimkehr erleben, doch mußte sie vier ihrer Kinder in die Fremde ziehen lassen, damit sie dort ihr Leben und ihre Existenz aufbauen konnten. Viele Briefe zeugen heute noch von dem engen Verhältnis zu Kindern und den heranwachsenden Enkeln.
Der Tod von Mama wurde für Papa ein tiefer Lebenseinschnitt, der für ihn bei zunehmender Schwerhörigkeit viele Stunden der Einsamkeit bringen sollte. Dank der guten geistigen und körperlichen Konstitution hat unser Jubilar diesen Schicksalsschlag überwunden. Bei guter Gesundheit nimmt er am Tagesgeschehen teil, liest die Zeitung und sieht gerne fern. Die "Politik von heute" bringt nach seiner Meinung "nichts Gutes mehr". Einmal in der Woche spielt er mit alten Freunden eine Stunde Skat und achtet sehr darauf, daß nicht "gemogelt" wird.
Ganz besondere Freude bedeutet es für ihn, wenn seine in der Fremde lebenden Kinder und Enkel ihn besuchen. Dann sind es viele Themen, die ihn in Anspruch nehmen. Wenn es bei Gesprächen in die Vergangenheit geht, zeigt sich sein enormes Gedächtnis, das ihn nur ganz selten im Stich läßt. So wäre der vorliegende Bericht ohne seine Gespräche und detaillierten Informationen nur ein Torso geblieben.
Wir möchten wünschen, daß diese Geschichte der Familie Bierhaus eines Tages von unseren Kindern und Kindeskindern fortgeschrieben wird!
Gisela und August Bierhaus
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