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Die Sippe “Kohlen-Beerhaus” Zu dieser Zeit kommen offensichtlich ernste wirtschaftliche Sorgen im Stammhaus auf. Mit 48 Jahren stirbt der Landwirt Heinrich Bierhaus am 8.2.1875 und hinterläßt seiner Frau Christine geb. Sandknop sieben unmündige Kinder. Die Witwe heiratet den auf dem Hof dienenden Knecht Christian Hunecke; dieser verschuldet den Hof durch Trunksucht. So wird in einem Urteil des Königlichen Kreisgerichts zu Soest, in dem der Böttchermeister Joseph Heinrich Bierhaus die minderjährigen Nichten und Neffen vertritt, ein Vergleich am 19.2.1878 in der Weise geschlossen, daß eine Zahlung von 933 Mark und 22 Pfennig nebst Zinsen an den Kaufmann Abraham Neukirchen zu Oestinghausen zu erfolgen habe.
Ein Teil des Grundbesitzes wird von Biele erworben, den Restbesitz des "Hofes Eickman" erwirbt Heinrich Knierbein. Dessen Frau, "Tante Lies Knierbein", wird vielen Lesern noch ein Begriff sein. Heute ist das über 240 Jahre alte Bauernhaus (sogen. Flettdeelenhaus) im Besitz der Familie Korbmacher. Noch sind die rechts und links an der großen Deele angrenzenden Stall- und Wirtschaftsräume erkennbar, vor Kopf lag die große Küche mit offenem Herdfeuer. Als einziges Erinnerungsstück ziert ein großer Pferdetrog aus grünem Anröchter Sandstein unseren Garten in Ahaus.
Die 4. Generation Im Hause an der Schloßstraße sind zu dieser Zeit dagegen die wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich günstiger. Das 1868 erworbene Haus wird ausgebaut und erweitert. Es werden l0 Kinder aus der Ehe des Joseph Heinrich Bierhaus und Catharina Elisabeth Hunsel geboren:
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Heinrich
Elisabeth
Josef
Franz
August
Anton
Maria
Stephan
Caspar
Anna-Maria
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geb. 17.12. 1870, gest. 2.10.1958 heiratete am 22.10.1901 Luise Streffing Kinder: Adele, Josef, Lies, Heinrich Gertrud und Hubert
geb. 26.9.1872, gest. 10.3.1907 heiratete Bernhard Weinekötter Tochter Elisabeth
geb. 20.3.1875 heiratete am 25.9.1912 Agnes Rhode Kinder: Josef, Elli, Felix, Käthe, Annchen, August und Toni
geb. 12.5.1878, gest. 18.7.1961 heiratete am 2.5.1905 Anna Kaufhold Kinder: Elli, Franz, Fritz, Anni, Maria, Barbchen, Käthe
geb. 4.6.1880 / gest. 1881
geb. 9.5.1882, gest. 24.1.1969 heiratete am 1.2.1910 Clara Quadbeck Kinder: Cläre, Karl, Agnes und Marianne
geb. 24.1.1884, gest. 1917
geb. 1.7.1886, gest. 8.11.1970 heiratete am 4.6.1912 Elisabeth Mehren Kinder: Heinz, Elli, Franz, Sibylle und Adolf
geb. 4.6.1889, gest. 28.2.1959 heiratete am 11.12.1924 Johann Worms
geb. 3.9.1892, gest. ? heiratete 1908 August Kröger, in zweiter Ehe Walter Engelhardt
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Bei dieser großen Familie wird es nicht immer leicht gewesen sein, für alle Kinder zu sorgen, zumal nach den sogen. Gründerjahren die wirtschaftliche Entwicklung nicht gleichmäßig verlief und Teuerungswellen die Folgen waren. Alle Söhne erlernen ein Handwerk in Hovestadt und gehen nach ihrer Ausbildung in die Städte Essen, Dortmund und Lippstadt, um dort ihre gesicherte Existenz zu finden.
Jugendzeit des Josef Bierhaus An die Zeit der Kindheit und Jugend dieser Generation erinnert leider keine Photographie. Josef Bierhaus trug als Schulanzug einen Anzug aus "Englisch-Leder (= Manchester-Cord). Weil dieser Stoff von der Sonne und der Wäsche weiß gebleicht war, bekam Josef den Spitznamen "Mannewitt" (d.h. der "witte Mann"). Mannewitt geht zunächst "beim kleinen Lehrer" Rips in die ersten vier Klassen, sodann beim "großen Lehrer" Schulte bis zur achten Klasse der Hovestädter Volksschule. An die Dienstwohnung des Lehrer Rips -heutiges Haus Beier, Schloßstraße 11- erinnert noch die alte Bezeichnung "Rips Gäßchen".
Geld war um diese Zeit ein rarer Artikel. Für das Austragen von Holzspänen aus der Böttcherwerkstatt gab es für einen "Kaffkorb" fünf Pfennig. Das Kartoffelsuchen in den Herbstferien brachte für den halben Tag 30 Pfennig. Anstelle einer Geldbörse hatte Mannewitt eine kleine Blechdose, so daß beim Laufen "die Pfennige schön klapperten".
In den letzten Schuljahren geht Mannewitt mit seinem Onkel Anton Hunsel in den Herbstferien "auf große Reise". Anton Hunsel, ein tüchtiger Handelsmann, kaufte im Herbst von den Bauern die gemästeten Puten auf, um sie dann in großen Kisten mit der Eisenbahn bis nach Iserlohn, Hagen, Barmen, Elberfeld und Düsseldorf zu verfrachten. Dort wurden die nur knapp gefütterten Tiere auf dem Bahnhof losgelassen und durch die Hauptstraßen, so auch auf der Düsseldorfer Königsallee" den ansässigen Bürgern als lebender Weihnachtsbraten zum Kauf angeboten. Mannewitt Bierhaus mußte mit einer Weidenrute die dem körnerstreuenden Anton Hunsel nachlaufenden Puten zusammenhalten. Von diesem Onkel wird erzählt, daß auf die Frage: "Anton, wie geiht`s?" die Puten mit "Gurre, gurre, gutt" geantwortet haben sollen.
Josef Bierhaus erlernte wie sein ältester Bruder Heinrich bei seinem Vater das Böttcherhandwerk. Nach getaner Arbeit geht der Lehrling Josef Bierhaus in den Weinkeller der Familie Ziegler -heute Haus Schauff an der Bahnhofstraße- um mit dem Abzapfen von Wein ein Taschengeld zu verdienen.
An den Sonntagen ist der Althoff das Ziel der unzertrennlichen Freunde Josef Adrian, Tönne Herold und Josef Bierhaus. Der "Aolle Huoff" und die nähere Umgebung wurde Sonntag für Sonntag im Leben des Josef Bierhaus bei Sonne, Wind und Regen in Gemeinschaft seiner Freunde durchwandert.
Als die drei Freunde mit 17 Jahren es wagten, erstmals am Ende des Schützenfestzuges in Reih und Glied mitzumarschieren, haben die Eltern einige Stunden später die schriftliche Rüge des Vikars Aust im Hause.
Der Besuch der Soester Allerheiligenkirmes ist ein besonderes Ereignisder jungen Leute aus Hovestadt. Nach dem Hochamt geht um 10 Uhr der Fußmarsch nach Soest los, um Punkt 12 Uhr zur Eröffnung der Kirmes dabei zu sein. Die größte Ausgabe ist der Besuch des Theaters für 30 Pfennig, die Attraktionsschau "Weib ohne Unterleib" kostet nur einen Groschen. Für die daheim gebliebenen jüngeren Schwestern wird noch eine große "Tüte Pimpelnüte" (= Pfeffernüsse) gekauft, bevor um 19 Uhr der zweistündige Heimweg mit müden Füßen angetreten wird.
Bau einer Kleinbahn Soest-Hovestadt Da die Postkutsche -neben den privaten Fuhrwerken- die einzige Fahrtmöglichkeit in dieser Zeit war, wird der Plan des Baues einer Eisenbahn in Hovestadt besonders begrüßt. In der Urkunde vom 8. Juni 1896 wird bestätigt: "Zur Herstellung und zum Betrieb einer Kleinbahn von Neheim über Oststönnen und von Soest nach Hovestadt für die Beförderung von Personen und Soest nach Hovestadt für die Beförderung von Gütern mittels Dampfkraft. . . . auf die Dauer von 60 Jahren . . . . hierdurch die Genehmigung erteilt."
Kleinbahn Hovestadt 1920

Über die Eröffnungsfahrt am 1. Mai 1898 wird berichtet: "Unter Böllerschüssen ging die Fahrt bis zur vorläufigen Endstation Hovestadt, wo der festlich geschmückte Zug um 8 Uhr 30 Minuten unter den Klängen der Oestinghausener Musikcapelle einlief. Auf Einladung der Gemeinde begaben sich die Festteinehmer in den Saal des Gasthofs Biele, wo ein vorzüglicher Imbiß mit obligatem Pfropfenqeknatter ihrer wartete. . . . Nur eine geschichtliche Erinnerung bedeutet von diesem Tage an die Kaiserliche Reichs-Fahrpost-Verbindung Soest - Hovestadt. Sie hat aufgehört zu sein!"
Auf Wunsch der Gemeinde Herzfeld sollte später eine Verlängerung der vor dem Gasthof Biele endenden Schienenstrecke bis nach Herzfeld erfolgen, jedoch scheiterte dieser Plan vermutlich an den hohen Kosten. Auch die bald erfolgte Zurückverlegung des Bahnhofes an den Ortseingang war eine Zweckmäßigkeitsentscheidung. - Es ist gewiß Ironie des Zufalls, daß die in der Genehmigungsurkunde ausgesprochene Befristung von G0 Jahren nicht verlängert werden mußte, da genau nach 60 Jahren 1958 der Schienenbetrieb auf der Strecke nach Hovestadt eingestellt wurde.

Bei einer Musterung von etwa 2000 Freiwilligen im Februar 1895 wird Josef Bierhaus mit weiteren 270 Rekruten auf Grund der Fürsprache des in Bückeburg dienenden Grafen Clemens von Plettenburg angenommen. Er dient 2 Jahre in der 2. Compagnie des Westfälischen Jägerbataillons in Bückeburg.
Aus dem Schießbuch des Jägers ist zu entnehmen, daß er als viertbester Schütze das Schützenabzeichen erhält und 1897 in die besondere Schießklasse mit einer Sold-Zulage versetzt wird.
Das Gruppen-Erinnerungsbild aus dem Jahre 1897 zeigt den Jäger Josef Bierhaus. Im Bild ist u.a. der Bataillons-Chef Oberstleutnant von Flotow, der Compagnie-Chef Premier-Leutnant von Raspe und der Ausbilder Oberjäger Delugosch zu sehen.

Bei den Bückeburger Jägern, einer Elitetruppe, war es üblich, daß auch die Rekruten mit Sie angeredet wurden. Der Ausbilder Delugosch brüllte seine Rekruten mit "Sie Schafsarsch, Sie" an! Eine besondere Erinnerung war für den Jäger Bierhaus das Biwaklager in Freienohl, wo beim Bürgermeister auf der Eule im Stroh übernachtet wurde. Ebenso muß die Zeit der Sonderausbildung als Krankenträger beim "Train" in Münster angenehm gewesen sein.
Gesellen- und Wanderzeit Nach der Militärzeit geht Josef auf "Wanderschaft". Er findet 1898 Arbeit bei der Rheinischen Faßfabrik Th. Hübner in Cöln-Bayenthal. Im Jahre 1899 gehen Heinrich und Josef nach Duisburg. Dort arbeiten sie mit ungarischen Böttchergesellen im Akkord. Wöchentlich werden 2 Bier-Lagerfässer mit 1000 hl. Inhalt gefertigt. Vom Lohn, 160 Mark, erhält jeder 40 Mark wöchentlich.
Nach diesen "Gesellenjahren" verläßt Heinrich Bierhaus Hovestadt im Jahre 1901, um mit 30 Jahren die Nachbarstochter Luise Streffing zu heiraten. Er findet als Böttchermeister in der Brauerei Kisker in Lippstadt eine Lebensstellung.
So ergab es sich, daß der zweitgeborene Sohn Josef in Hovestadt im väterlichen Betrieb verbleibt und, nachdem alle nachgeborenen Geschwister versorgt bzw. verheiratet waren, den väterlichen Besitz 1904 übernahm.
Übernahme der Postagentur Die wirtschaftliche Stagnation um die Jahrhundertwende mag wohl Veranlassung gegeben haben, daß die durch den Tod des Posthalters Metzker vakant gewordene Postagentur am 1. Juli 1904 von dem "im Hause bleibenden Sohn Josef" übernommen wurde. Das Jahresentgelt wurde auf 500 Mark festgesetzt. Die Postdirektion verlangte jedoch, daß die Herrichtung des erforderlichen Raumes und der Schaltereinrichtung, wozu auch die Sicherung des Postdienstzimmers "durch Anbringung starker Fensterläden mit eisernen Vorlegestangen pp." gehörte, auf eigene Kosten erfolgen müsse.
Wie aus den sogen. "Präsidentenbüchern" (= Besuchsbücher der Kaiserlichen Postpräsidenten) hervorgeht, betrug im Jahre 1904 die Einwohnerzahl des Ortsbezirks Hovestadt 601 Personen, dazu kam der Landzustellbezirk Schoneberg/Nordwald mit 588 Personen. Zwei Briefträger waren für die Postzustellung zu Fuß -die zeitweise zweimal täglich in Hovestadt erfolgte- zuständig. Das Gesuch um Erhöhung der Dienstvergütung vom 14.2.1908 könnte auch im Jahre 1975 geschrieben sein, wenn es wörtlich heißt: "Die allgemein zunehmende Verteuerung des ganzen Lebensunterhalts, der Steigerung der Preise für Heiz- und Beleuchtungsmaterial, die Erhöhung des Zinsfusses und sanft die Erhöhung des Mietwertes der Diensträume einerseits und das Sinken des Geldwertes andererseits veranlassen den Unterzeichneten die Kaiserliche Oberpostdirektion um recht baldige Erhöhung der Vergütung zu bitten. . .“ .
Der schriftliche Kleinkrieg um eine angemessene Besoldung füllt mehrere Aktenbände und bietet dem interessierten Leser einen guten Anschauungsunterricht über die vielseitige Tätigkeit eines Posthalters und dessen unzureichende Bezahlung.
Im Jahre 1902 wird –nach dem Abbruch der denkmalswerten gotischen Kirche- die neue Kirche in Herzfeld eingeweiht. Die völlig unzureichenden Verhältnisse in der Schloßkapelle in Hovestadt geben im Jahre 1903 Anlaß zur Gründung eines Komitees für Kirchenbau-Sammlungen. 1909 wird dann ein Kirchenbauverein gegründet. Fast 25 Jahre ist Josef Bierhaus mit anderen rührigen Mitbürgern tätig, um dann in der Inflation im Jahre 1923 den Verlust des für einen Kirchenbau notwendigen Vermögens von etwa 65.000 Mark zu erleben.
Im gleichen Jahre 1902 wird in Hovestadt die Freiwillige Feuerwehr begründet. Josef Bierhaus ist Mitbegründer und lange Jahre aktives Mitglied dieser Wehr. Am 7. Mai 1972 wird das Ehrenmitglied Josef Bierhaus anläßlich des 70-jährigen Bestehens des Löschzuges Hovestadt geehrt.
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